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Historie Freimarkt
Kaufrausch und Spieltrieb: Die
Geschichte des Bremer Freimarkts
Am Anfang war ... die "freie
Markt-Wirtschaft"!
Wenn es draußen dunkel und ungemütlich wird, freuen sich die Bremer auf
die "5. Jahreszeit", die mit bunten Lichtern, herrlichen Düften
und fröhlicher Musik alle grauen Gedanken vertreibt: "Ischa Freimaak!"
heißt es im Herbst.
Die
Wurzeln des Bremer Freimarkts liegen im Mittelalter. Das älteste deutsche
Volksfest begann am 16. Oktober des Jahres 1035, als Kaiser Konrad II. dem
bremischen Erzbischof Bezelin die Jahrmarktsgerechtigkeit verlieh. Seit
diesem denkwürdigen Herbsttag hatte die Stadt die Erlaubnis, zweimal jährlich
Markt auf dem Kirchhof "Unser Lieben Frauen" abzuhalten. Ohne
jede Beschränkung und Rücksicht auf die einheimischen Zünfte konnten Krämer
und Wandersleute nun ihre Waren verkaufen - eine neu gewonnene
wirtschaftliche Unabhängigkeit, an die noch heute der Name
"Freimarkt" erinnert.
Von 1035 an hat jeder nachfolgende Kaiser das
Jahrmarktsprivileg regelmäßig erneuert. Franz II. war der letzte, der
1793 den Bremer Kaufleuten diese Erlaubnis erteilte. Danach entschieden
die Hanseaten selbst, ob und wann sie Markt halten wollten. Und sie
wollten eigentlich immer.
Vom Wa(h)renmarkt zum Vergnügungs-Rummel
Zunächst zogen vor allem Krämer und Wandersleute mit ihren Waren zum
Freimarkt. Besonderen Umsatz machten die Händler im Herbst zur Erntezeit,
wo viele Bauern in die Stadt kamen, um ihre Einkäufe für den Winter zu
machen.
Aufregend bunt wurde das Markttreiben mit dem Einzug des fahrenden Volkes.
Spielleute, Gaukler, Wahrsager, Possenreißer und Marktschreier boten eine
blendende Welt der Superlative: das feinste Tuch, die edelsten Gewürze,
die derbsten Zoten - und natürlich den neuesten Klatsch aus der Welt
jenseits der Stadt- und Landesgrenzen.
Für ein paar Groschen konnte man hier den Duft des Abenteuers und der
weiten Welt schnuppern. Ein Löwe im hohen Norden? Bereits 1445 war er auf
dem Bremer Marktplatz zu bestaunen. Seit dem 17. Jahrhundert kamen immer
mehr exotische Tiere dazu: dressierte Bären, Dromedare und Affen, bis hin
zur ersten Raubtier-Menagerie des Unternehmers Amigoni 1810. Vom 17. bis
ins 19. Jahrhundert war der Mensch in seiner ganzen Skurrilität ein
beliebtes Ausstellungsobjekt: auf dem Freimarkt gastierten unter anderem
der "Hottentott" aus Afrika (1687), die 68 cm "kleine
Mademoiselle" (1799), die auf Wunsch auch in einem kleinen Kasten
frei Haus geliefert wurde, "Buffalo Bills Wild West Company"
(1890) und der am ganzen Körper behaarte "Löwenmensch Lionel"
(1938).
Trotz fahrenden Volkes blieb der Freimarkt fast 800 Jahre lang vor allem
ein Warenmarkt. Erst seit Anfang des vorigen Jahrhunderts wandelte sich
das Bild zu dem, was wir heute unter "Jahrmarkt" verstehen: Mit
Buden, Zelten und Fahrgeschäften entsteht ein Fest der Freude und des
Vergnügens. 1809 erschien der erste Schausteller mit einem Karussell. Das
Publikum war begeistert von den hölzernen Pferden, die sich, von
Menschenkraft angetrieben, im Kreis drehten.
Vor allem nachdem ab Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten
Eisenbahnstrecken eröffnet wurden, erlebte der Bremer Freimarkt einen großen
Aufschwung mit immer neuen Attraktionen: 1847 begeisterte der "Hau
den Lukas" vor allem die Arbeiter, die Leierkastenmänner sorgten ab
1870 für Stimmung, das Schiffskarussell schaukelte seit 1881 auf dem
Platz und auf der Berg- und Talfahrt trafen sich ab 1890 junge Menschen
zum Stelldichein. Besonders bei der Jugend wurde der Rummel beliebt. Während
der gesamten Freimarktszeit fiel bis 1875 nämlich der
Nachmittagsunterricht in allen Schulen komplett aus.
Die Marktfläche wuchs im Laufe der Jahrhunderte immer mehr an und
erweiterte sich auf den Domshof, den Rathausplatz und die Domsheide bis
hin zum Bahnhofsplatz, ins Rembertiviertel (1862), Hohenloherstraße
(1889). Durch die Verdichtung der Bebauung in der historischen Innenstadt
wurden hier die Plätze für den Freimarkt ständig weniger, so dass sich
der Freimarkt über den Teerhof in die Neustadt (1890) ausdehnte.
Mehr und mehr wurde die Neustadt (Grünenkamp, Hohentor) zum Mittelpunkt
des Freimarktes. Bis zum Jahr 1933 fand der Freimarkt allein in der
Neustadt statt, um dann 1934 auf die Bürgerweide zu ziehen. Seit dem
findet der Freimarkt auf einem Festplatz im Herzen der Stadt, der Bürgerweide,
statt.
Im 19. Jahrhundert wurden auch Buden mit Honigkuchen und Zuckerwatte immer
beliebter. Den berühmten Schmalzkuchen gab es ab 1847 zu kaufen. Und ein
weiteres halbes Jahrhundert später bekamen die Fischbuden mit den
beliebten Speckaalen Konkurrenz: 1906 briet der Bremer Schlachtermeister
Wilhelm Keunecke die erste Rostbratwurst auf offenem Feuer.
Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde das Volksfest nur noch
einmal zugelassen - als Budenstadt auf dem Domshof. Vor einundfünfzig
Jahren dann luden die Marktbezieher zum ersten noch provisorischen "Friedens"-Freimarkt.
Freimarkt heute: Weiter, höher, schöner!
Mittlerweile
zählt der Freimarkt zu den beliebtesten und modernsten Volksfesten
inDeutschland. Über vier Millionen Besucher von nah und fern kann die
Stadt jedes Jahr verzeichnen. Auf einer Fläche von 100.000 Quadratmetern
bieten 350 Schausteller Jahrmarktsvergnügen der Superlative: Die neuesten
Überschlagkarussells versprechen Nervenkitzel pur. Auf keinem anderen
Fest in Deutschland stehen so viele Fahrgeschäfte wie auf dem Bremer
Freimarkt. Die Sperrzeiten für Gaststätten ist während der gesamten 17
Tage aufgehoben. Zuckerwatte und Räucheraal, Lichtkaskaden und
Nervenkitzel, Partytaumel und Spielrausch: Das "kühle Bremen"
zeigt sich im Ausnahmezustand: "Ischa Freimaak!"
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